Essstörungen in der Fitness-Szene: Sophia Thiel und Eike Wiemken

01.03.2021 15:29

Essstörungen in der Fitness-Szene: Sophia Thiel und Eike Wiemken

Durch Social-Media, Fernsehen und die Werbung wird heutzutage ein unrealistisch perfektes Körperbild als erstrebenswertes Ideal vermittelt. Ob bewusst oder unbewusst, suggeriert wird: Nur wer durchtrainiert und sportlich ist, der ist auch glücklich und zufrieden. Schaut man sich die Instagram-Profile von erfolgreichen Idolen aus der Fitness-Szene wie beispielsweise Sophia Thiel oder Eike Wiemken an, bekommt man den Eindruck, dass diese Personen immer in einer überragenden Form sind und diese auch spielend einfach halten können.

Doch hinter den Kulissen hatten diese Fitness-Vorbilder schon vor längerer Zeit eine schwerwiegende Essstörung entwickelt. In seinem mutigen Coming-Out-Video hat Eike Wiemken einen tiefen Einblick gewährt, wie sein Essverhalten immer gestörter wurde. Sophia Thiel wiederum war für 2 Jahre komplett verschwunden und hat sich jetzt erstmals zu ihrer Essstörung und ihrem "Kampf gegen den eigenen Körper" geäußert.

Eine Essstörung kann viele Formen habe

Essstörungen: Magersucht, Bulimie, Binge-Eating-Syndrom - Sophia Thiel + Eike Wiemken

Die Gründe einer Essstörung sind jedoch sehr unterschiedlich, ebenso wie die verschiedenen Formen. Eine verbreitete Essstörung, unter der vor allem Frauen leiden, ist die Magersucht. Die Magersucht ist geprägt durch ein eine stark verzerrte Körperwahrnehmung. Magersüchtige Personen halten sich grundsätzlich für zu dick (auch wenn sie bereits klinisch diagnostiziertes Untergewicht haben) und haben große Angst vor einer Gewichtszunahme. Daher schränken Magersüchtige ihr Essverhalten extrem ein und treiben meist zusätzlich sehr viel Sport. Leider fehlt dadurch auch oft die Krankheitseinsicht, was eine entsprechende Behandlung erschwert.

Bei der Bulimie (Ess-Brech-Störung) kommt es zu Essanfällen, bei welchen die Betroffenen die Mengen meist nicht kontrollieren können. Während diesen Essanfällen nehmen diese Menschen sehr hohe Mengen an Essen zu sich - oftmals mehrere Tausend kcal. Anschließend plagt die Personen das schlechten Gewissen und sie versuchen durch Hungerphasen, selbst herbeigeführtes Erbrechen, Abführ- und Entwässerungsmittel sowie übermäßigen Sport das Essen wieder loswerden. Auch hier haben die Menschen große Angst davor, zuzunehmen.

Die Binge-Eating-Störung ist der Bulimie sehr ähnlich bis auf einen entscheidenden Punkt: Die Betroffenen unternehmen nichts, um der Gewichtssteigerung entgegen zu wirken. Dementsprechend sind sie oftmals übergewichtig und nehmen immer weiter zu. Im Zuge dessen ziehen sie sich zurück, vereinsamen und verfallen in einen Teufelskreis. Die Hintergründe für eine Binge-Eating-Störung können sehr vielfältig sein - meist werden die Heißhunger-Attacken durch intensive Gefühle wie Ärger, Wut, Trauer, Angst oder Stress ausgelöst.

Die Folgen

Essstörungen: Magersucht, Bulimie, Binge-Eating - Sophia Thiel + Eike Wiemken

Bei der Magersucht wird es früher oder später zu schwerwiegenden körperlichen Schäden durch den starken Gewichtsverlust und die Mangelernährung kommen. Ist dies noch vor der Pubertät der Fall, kann sich die körperliche Entwicklung dadurch stark verzögern. Ebenso kann die Menstruation durch die hormonellen Störungen ausbleiben. Durch die Mangelernährung bedingt werden deutlich zu wenig Mineralstoffe wie z.B. Calcium aufgenommen. Der Körper ist daher gezwungen, Calcium aus den Knochen und Zähnen auszulösen - Osteoporose und Zahnausfall sind die Folgen. Und bei ca. 10% der Magersüchtigen führt die Erkrankung auch zum Tod.

Bei Personen, die an Bulimie leiden, führt die Krankheit oft zur sozialen Isolation, da die Betroffen unter einem großen Schamgefühl leiden und somit auch ein niedriges Selbstwertgefühl haben. Durch das regelmäßige Erbrechen nach dem Essen kann es zu Elektrolytentgleisungen kommen. Die aufgestoßene Magensäure greift die Zähne an und führt langfristig auch zu Zahnschmelzdefekten. Weitere Folgen des erzwungenen Erbrechens sind Verdauungs- und Kreislaufprobleme und je nach Elektrolytverlust sogar auch Herzrhythmusstörungen.

Binge-Eating führt mittelfristig zu (starkem) Übergewicht und dessen Folgen für den Körper liegen auf der Hand: Es besteht ein erheblicher Risikofaktor für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Herzleiden. Da jedes Kilo, welches zu viel ist, auch die Gelenke belastet, kommen Gelenkbeschwerden und Rückenschmerzen hinzu. Das Risiko für bösartige Tumore steigt und bei schwerer Adipositas kann sich die Lebenszeit um bis zu zehn Jahre verkürzen.

Die Ursachen

Essstörungen - Ursachen für Magersucht, Bulimie, Binge-Eating - Sophia Thiel + Eike Wiemken

Genau wie die Ausprägung der Essstörungen sehr vielseitig sein können, so sind auch die Ursachen und Hintergründe, die zu den jeweiligen Erkrankungen geführt haben. In der Regel fließen hierbei auch immer mehrere Faktoren zusammen. Sowohl individuelle als auch familiäre Hintergründe sowie die Gesellschaft können hier große Auswirkungen haben:

Ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis, ein hoher Leistungsanspruch an sich selbst, ein geringes Selbstwertgefühl sowie die Erfahrungen von prägenden, negativen Ereignissen begünstigen die jeweilige Krankheitsform.

Wenn man dann in der Familie keine Vorbilder hatte, was eine gesunde, ausgewogene Ernährung und Sport betrifft - oder die Eltern sogar selbst eine Essstörung entwickelt haben, ist das Risiko, eine Essstörung zu entwickeln besonders hoch. Auch das Unterdrücken negativer Gefühle bzw. die fehlende Fähigkeit, sich hierzu Hilfe zu suchen, steigern die Situation immer mehr. Hier trifft der Ausdruck "Probleme in sich hineinfressen" dann oftmals wortwörtlich zu.

Gerade in der westlichen Welt ist das Schönheitsideal sehr figurbetont, das heißt schlank und sportlich. Die mediale Präsenz hiervon ist allgegenwärtig und somit wird ständig vermittelt, dass dies für jeden ein selbstverständliches Muss ist und zu einem "erfolgreichen" Leben dazugehört. Die Art und Weise, wie viele, meist unwissende, Menschen dann versuchen, diese Schönheitsideale zu erreichen - das ist das eigentliche Problem. Durch die Werbung werden unrealistische Körperveränderungen innerhalb kürzester Zeit versprochen - z.B. nehme 5 kg in 7 Tagen ab. Da so etwas in der Praxis dann nie klappen wird, sind die Menschen dann entsprechend enttäuscht und frustriert.

Die Scheinweilt von Instagram, Facebook und Co.

Essstörungen - Scheinwelt von Instagram, Facebook und Co.

Gerade in den sozialen Medien hat das Schönheitsideal von einem schlanken, durchtrainierten Körper vor einiger Zeit seinen Höhepunkt erreicht. Wohin man auch schaute, gab es nur perfekte Fotos. Perfekte Körper durch perfekte Mahlzeiten und bis ins letzte Detail optimierte Trainingseinheiten. Ein typisches Instagram-Profil eines erfolgreichen Fitness-Influencers musste einfach so aussehen. Schaut man sich dann die ganzen veröffentlichten Fotos an, bekommt man den Eindruck, dass die Person aufgrund ihres Äußeren immer glücklich ist und ein tolles, erfülltes Leben führt.

Hierbei wird nur selten bedacht, dass das "Influencen", also das Beeinflussen (zum Kauf irgendwelcher Produkte), der eigentliche Sinn der Sache ist. Ob Detox-Tee, Abnehm-Shakes, Gesichts-Creme oder Pflege-Shampoo - das alles lässt sich nicht gut verkaufen, wenn der Account eben nicht wie in einer Fernsehwerbung aussieht. Während früher viele Influencer noch einen normalen Beruf hatten und ihre Präsenz auf Social-Media eher als Freizeit- und Hobby-Projekt betrachtet haben, leben heute sehr viele Influencer von den Werbe-Einnahmen durch ihre Postings. Und so hängt auf einmal die eigene finanzielle Existenz von dem Erscheinungsbild des eigenen Körpers ab.

Um nun den Anschein zu erwecken, immer bestens in Form zu sein, werden viele Inhalte einfach vorproduziert. Eine Urlaubsreise und ein, zwei Fotoshootings können die Grundlage für unzählige Posts sein. Für solche Anlässe wird dann besonders nach Plan trainiert und gegessen - dann sind die Bilder mit Sicherheit gut. Dass es sich hierbei aber lediglich um eine Momentaufnahme handelt, gerät dabei in Vergessenheit.

Und so sieht es bei vielen wirklich aus

Essstörungen - Sophia Thiel + Eike Wiemken

Dass auf Socia-Media mit den perfekt inszenierten Fotos oftmals eine Scheinwelt vorgespielt wird, ist sicherlich nachvollziehbar. Doch was läuft hinter den Kulissen tatsächlich ab? Über eine lange Zeit hinweg gab es dazu nahezu kaum Einblicke - mit dem Fitness-Athlet Eike Wiemken und dem Fitness-Idol Sophia Thiel haben sich nun zwei sehr bekannte Persönlichkeiten der deutschen Fitnessszene, offen und ehrlich zu dieser Thematik und den Hintergründen geäußert.

Vermutlich hätte kaum jemand gedacht, dass wir auch bei einem durchtrainierten Athleten wie Eike Wiemken tatsächlich von einer Essstörung sprechen. Jedes Foto auf Instagram sieht großartig aus und die Bilder mit freiem Oberkörper könnten problemlos auch Cover des Men’s Health-Magazins zieren. Was man jedoch immer wieder gesehen hatte, waren Bilder von "Cheat-Days", aber da das in der Fitnessszene als "normal" gesehen wird, war das weiter nicht verdächtig. Doch in seinem YouTube-Video "So war meine Essstörung!" erzählt er offen über die erschreckenden Details seiner Essstörung:

Alles fing mit strengen Diäten für die Fitness-Wettkämpfe an. Nach jedem Wettkampf - also nach einer monatelangen Hungerphase, hatte sich Eike oft umfangreiche Cheat-Days gegönnt. Nur nahmen diese irgendwann kein Ende mehr, sodass sein Körpergewicht immer weiter stieg und die Form immer mehr abnahm. Für jemanden, dessen Körper sein Kapital ist, natürlich eine absolute Katastrophe. Also fand er die Lösung darin, sich selbst regelmäßig zum Erbrechen zu bringen, um das Essen wieder loszuwerden. Anfangs noch mit dem Finger, später hatte der Reiz nicht mehr ausgereicht und er musste sich eine Zahnbürste in den Rachen stecken, um das Erbrechen auszulösen.

Der öffentliche Druck, dem eigenen "Image" dauerhaft gerecht zu werden

Essstörungen - Sophia Thiel + Eike Wiemken

Bei Sophia Thiel hatte die Essstörung eine andere Ausprägung. Sophia Thiel hatte sich auf Social-Media eine riesige Community aufgebaut, für die sie immer das leuchtende Vorbild in Bezug auf Ernährung, Training und Motivation war. Bald folgten auch TV-Auftritte, eigene Bücher, eine Kollektion mit Trainingskleidung und vieles mehr - alles auf der Grundlage, dass sie es geschafft hatte, einen schlanken, fitten Körper aufzubauen. Und tatsächlich: Bis auf kleine Auf und Abs, war sie immer in Topform und animierte mit einem großen Lächeln ihre Fans und Follower.

Bis dann von einem Moment auf den anderen Alles vorbei war! Keine Auftritte mehr in der Öffentlichkeit, keine Posts mehr auf Social-Media und kein Statement zu ihrem Verschwinden. Fast zwei Jahre war absolute Funkstille. Vor kurzem ist Sophia Thiel wieder aufgetaucht und hat ihrer Community mit ihrem Video "Die Wahrheit hinter meiner Auszeit..." einen offenen, ehrlichen Einblick in ihre damalige Situation gegeben: Für Sophia Thiel war ihr Körper wie ein Gegenspieler, den sie regelrecht zur Top-Form prügeln musste, damit er für sie annehmbar bzw. vorzeigbar war.

Da sie teilweise an bis zu elf verschiedenen Projekten gleichzeitig arbeitete, musste sie ihren Alltag bis ins kleinste Detail planen. Dabei wurden selbst Tomaten und Salat auf das Gramm genau abgewogen und täglich hatte sie bis zu vier Stunden trainiert. Und dann kam der Punkt, an dem Sophia Thiel merkte, dass ihr Körper das alles nicht mehr mitmacht und so zog sie damals die Notbremse. Sophia Thiel verschwand erst mal von der Bildfläche und konnte so den Druck, den sie sich selbst gemacht hatte, enorm reduzieren und wieder zu sich selbst finden.

Der Ausstieg aus dem Teufelskreis

Essstörungen - Ausweg aus dem Teufelskreis

Aus dem Teufelskreis einer Essstörung auszubrechen, ist für die betroffenen Personen alles andere als leicht. Der erste und zugleich wichtigste Schritt ist dabei, sich selbst einzugestehen, dass man ein Problem hat, welches behandelt werden muss. Eike Wiemken fasste seinen Mut zusammen und vertraute sich seiner Freundin an. Ein großer Schritt, denn das Schamgefühl ist bei Personen mit Essstörungen in der Regel immer sehr groß. Dennoch war genau dies die Lösung, denn mit der Unterstützung seiner Freundin konnte Eike nach einigen Monaten wieder zurück in normale Verhältnisse finden.

Bei Sophie Thiel war der Weg zurück in die "Normalität" ähnlich: Für Sophia Thiel war ebenfalls die Unterstützung von ihr nahe stehenden Personen ein wichtiger Grundstein für das Überwinden ihrer Essstörung. Hinzu kam für Sophia Thiel die Frage an sich selbst, in welchen Momenten sie sich bisher am glücklichsten fühlte. Daraus ergab sich ein langer Prozess, welcher zwar Sport und Ernährung noch beinhaltete, jedoch nicht mehr in einer so extremen Form wie früher. Das Ergebnis ist eine glückliche und mit sich selbst zufriedene Frau. So, wie es sein soll.

Wichtig ist also auf der einen Seite, dass man sich selbst kritisch hinterfragt, um herauszufinden, ob man selbst dabei ist, eine Essstörung zu entwickeln oder dies unter Umständen bereits schon der Fall ist. Unabhängig von den jeweiligen Ursachen einer Essstörung, ist die Hilfe von Außenstehenden fast unerlässlich. Eine Vertrauensperson sowie entsprechendes Expertenwissen sind hierbei wichtige Wegbegleiter. Es wird immer jemanden geben, der gerne hilft, so dass jeder die Unterstützung bekommt, die er benötigt.

Schlussfazit

Essstörungen sind ein zunehmendes Problem in der westlichen Welt. Auf der einen Seite sind Lebensmittel günstig und im Übermaß vorhanden - auf der anderen Seite wird durch die Medien und ganz besonders in den sozialen Netzwerken ein unrealistisches Schönheitsideal vermittelt. Das führt wiederum dazu, dass das eigene körperliche Erscheinungsbild als der Schlüssel zu Glück (und Erfolg) gesehen wird.

Eine gesunde, ausgewogene Ernährung in Kombination mit Sport, Fitness- oder Muskelaufbau-Training ist das Beste, was man für den eigenen Körper tun kann. Es besteht jedoch die Gefahr, dass der Fitness-Lifestyle aufgrund unrealistischer Ziele immer mehr ins Extreme geht, vor allem was die Ernährung anbelangt. Und so nimmt der positiven, gesundheitsfördernde Ansatz auf einmal eine sehr negative Entwicklung und die Einstellung zu Nahrung wird immer mehr gestört.

Wie bei Vielem im Leben ist ein gesundes Mittelmaß der goldene Weg. Du kannst gerne mehrmals pro Woche ins Training gehen und auch nach einem, für deine Ziele ausgerichteten, Ernährungsplan essen und auch mal eine etwas strengere Diät machen. Du solltest aber immer damit entspannt umgehen und dir auch erlauben, einmal nicht perfekt zu sein. Sich selbst anzunehmen, wie man ist - mit allen Stärken und Schwächen - das ist der Schlüssel zu einem liebevollen Verhältnis zu seinem eigenen Körper.


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